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Eine Villa, Studienorte und seine große Leidenschaft für Minimal Art vereint der Hamburger Jurist unter einem Dach. Jetzt will er ein Museum daraus machen.

Christoph H. Seibt zählt zu den renommiertesten Wirtschaftsanwälten Deutschlands. Er lehrt und forscht in Hamburg als Honorarprofessor und in Kyoto. Er ist Vorsitzender des Vorstands des Hamburger Kunstvereins sowie der Hanne Darboven Stiftung und des Bucerius Kunst Clubs in Hamburg.

Sie sammeln seit vielen Jahren ernsthaft, vorrangig Minimal Art. Bestimmt waren Sie auf der Art Basel – hatten Sie dort gute Kunst-Erlebnisse?

Ja, und da gibt es über die Kunstmesse hinaus auch noch eine persönliche Note. Meine Frau lebt bei Basel, sie gibt um die Art Basel herum Abendessen oder Frühstücke für Kunstfreunde. Für uns ist das eine intensive und glückliche Zeit, die schon am Wochenende vor dem First Opening beginnt.

Haben Sie bestimmte Messe-Rituale?

Ich lege mir vorher durch die Previews einen kleinen Plan zurecht und kläre, was ich in jedem Fall sehen will. Es gibt Galerien, bei denen ich immer vorbeischaue – Sprüth Magers oder David Zwirner zum Beispiel. Ich habe auf dieser Messe auch zwei Arbeiten gekauft.

Darf ich wissen, was es ist?

Das eine ist ein „Shaped Canvas“ von Ted Stamm, ein in Deutschland noch nicht so bekannter Künstler aus dem New York der 70er- und 80er Jahre, den man dem Minimalismus und der Konzeptkunst zuschreibt. Er wird jetzt gerade hier entdeckt, ich beobachte ihn schon länger und hatte schon zwei größere Werke von ihm erworben. Das ist eines meiner Prinzipien: Wenn ich mich mal für eine künstlerische Position entschieden habe, möchte ich gerne in die Tiefe gehen. Also nicht in die Breite, wie ein Briefmarkensammler, der von jedem etwas hat. Sondern ich beschäftige mich mit der Position länger anhand unterschiedlicher Werkgruppen, sodass zeitliche Entwicklungen sichtbar werden.

Und die zweite Arbeit, die Sie in Basel gefunden haben?

Das ist eine etwas andere Geschichte. Ich beschäftige mich seit sicherlich zehn Jahren mit Julian Charrière.

Christoph H. Seibt mit Ehefrau Ayla Busch

Ein Meisterschüler von Ólafur Elíasson, der mit Minimalismus erst mal nichts zu tun hat.

Seit 40 Jahren – seit meinem Jura- und Philosophiestudium – beschäftige ich mich mit Nachhaltigkeit und der Begründung moralischer Pflichten gegenüber zukünftigen Generationen. So kommen zu meinem Sammlungsschwerpunkt Minimal Art auch Positionen wie von Ólafur Elíasson, Thomás Saraceno, Julian Charrière und Jeppe Hein. Im Zuge der Ausstellung von Julian Charrière im Baseler Museum Tinguely habe ich eine „Vending-Machine“ von ihm gekauft. Es ist ein Automat, wie man ihn in Bahnhöfen finden kann, aber in den Spiralen sind Ammoniten aufgereiht. Durch einen Infinity-Spiegel hat man das Gefühl der unendlichen Verfügbarkeit dieser geologischen Objekte. Da steckt sehr viel drin: diese Vorstellung der grenzenlosen Verfügbarkeit, die kapitalistische Logik, dass man diese Ressourcen für Geld bekommen kann. Dieser mit Neon erleuchtete Verkaufsautomat hat zudem – und das gilt für alle Sammlungsarbeiten – eine bestimmte minimalistische Ästhetik.

Sie sind den klaren Formen treu geblieben. Auf der Documenta 7 haben Sie in jungen Jahren ein Werk von Richard Serra gesehen. War das ein Initiationserlebnis?

Interessant, dass Sie das als Initialzündung ansehen, das war mir noch gar nicht so klar. Meine ersten Erwerbungen waren einige Jahre später und hatten zunächst mit Minimal Art noch nicht viel zu tun: Berliner Neue Wilde. Die ersten Erwerbungen der Minimal Art waren 1992 Holzdrucke von Donald Judd, unmittelbar danach kamen Papierarbeiten von Imi Knoebel dazu, den ich bis heute sehr intensiv sammele. Seitdem habe ich fast nichts anderes mehr gesammelt als minimale oder konzeptionelle Positionen – bis heute etwa 650 Werke, vor allem aus Europa, den USA und Japan.

Welche Museen sind in Ihren Augen die besten?

Es sind jetzt keine Geheimtipps, die ich da verrate: die Judd-Foundation in Marfa, Texas. Das Dia Beacon, und Naoshima in Japan mit den Museen von Tadao Ando.

Charlotte Posenenske. Vierkantrohre Serie D. 4-teilig und Blaues Plastikblatt. Plastikblatt mit 4 digitalen Furchen. Hiroyuki Matsuura. Transmission 9. Lambda-Druck zwischen Acrylplatten. Fred Sandback. Ohne Titel. 4-teilig. Stangenstahl

Wie wichtig ist es für Sie, die KünstlerInnen, die Sie sammeln, auch kennenzulernen?

Es ist mir sehr wichtig. Und es gibt Künstler, die ich schon sehr lange kenne, wie zum Beispiel Imi Knoebel mit seiner Frau Carmen über Clemens Fahnemann. Eine sehr prägende Person ist auch Frank Gerritz aus Hamburg. Wir sind gleich alt und waren zur gleichen Zeiten häufig an denselben Orten, zum Beispiel in New York in den 80er- und 90er-Jahren. Viele Sammler sagen zu Recht, dass das Verständnis mit Zeitgenossen besonders einfach ist. Wir verstehen uns in vielen tiefschürfenden Gesprächen über die Kunst, aber haben ein vollkommen anderes Leben geführt. Er hat sich zum Beispiel für Punk und Heavy Metal interessiert, bei mir waren es eher New Wave und elektronische Musik. Für mich war es aber auch wichtig, länger mit Julian Charrière zu sprechen oder auch mit Ólafur Elíasson, um zu sehen, wie authentisch deren Themenbehandlung ist.

Welche Gemeinsamkeiten haben Ihre beiden großen Leidenschaften, Jura und Kunst?

Kluge Frage! Jura wird oft falsch verstanden. Anwaltliche Tätigkeit verbindet man gemeinhin nicht mit Kreativität, sondern mit der Anwendung vorgegebener starrer Regeln. Aber auch da gibt es Innovationen, und einige der Neukreationen der letzten drei Jahrzehnte im Wirtschaftsrecht werden mir zugeschrieben. Auch Künstler setzten ja bestimmte Gegebenheiten – nehmen wir zum Beispiel ein naturwissenschaftliches Phänomen wie Zeit – in eine noch nicht da gewesene Form um, in meiner Sammlung sind das zum Beispiel die Positionen von Jill Baroff, Jorinde Voigt, Hanne Darboven, Philippe Decrauzat oder Michael Wesely. Diese Umsetzung von bekannten Themen in ein neues künstlerisches Konzept, das hat eine Nähe zu meiner Berufstätigkeit. Oder die Fähigkeit, mit einem minimalen Eingriff den ganzen Raum zu verändern, wie Fred Sandback mit seinen Wollfäden oder Metallskulpturen, Carl Andre mit seinen Bodenplatten, Donald Judd mit seinen „Stacks“ oder John McCracken mit seiner Planke. Auch ich versuche bei meiner Beratungstätigkeit immer, die Essenz der Interessen freizulegen, die „primary structures“, und dann die Möglichkeitsräume zu gestalten.

Henrik Eiben. Say hello to heaven. Verschiedene Materialien. Winston Roeth. Empire. Öl auf Leinwand. John McCracken. Flash. Polyesterharz und Glasfasermatten auf Sperrholz

Haben Sie den Wunsch, Ihre Sammlung einmal in einem Museum oder sogar in Ihrem Museum zu sehen?

Die Antwort ist ja. Dabei finde ich es selbst immer schön, wenn ein Bezug zwischen Sammler und Besuchern entsteht, also kann es nicht nur ein unpersönlicher White Cube sein. Das führt dazu, dass ich im Augenblick denke, dieses Ausstellungshaus wird im Kern mein Wohnhaus in Hamburg sein. Eines der Probleme ist nur: Viele der Sammlungsarbeiten sind riesengroß. Ich hoffe, unterirdisch unter dem Garten eine große neue Fläche erstellen zu dürfen, sodass man in diesem Haus ein Gesamterlebnis schaffen kann. Denn es ist ja nicht nur Kunst, sondern eben eine Sammlung, hinter der ein eigensinniger Sammler steht, über den man gern auch etwas erfahren darf. Außerdem würde ich ungern die Arbeiten aufteilen in Werke, die ich der Öffentlichkeit zeige, und jene, mit denen ich lebe. In der Zwischenzeit werde ich voraussichtlich in der Hamburger Innenstadt eine ausreichend großvolumige Fläche mit der Sammlung bespielen lassen. Hamburg hat einen gewissen Nachholbedarf an solcher Kunst, wie ich sie sammle – und Post–Minimal Art ist immer noch sehr zeitgenössisch.

Jenny Holzer. Inflammatory Essays, Living, Survival. LED rote Dioden in Edelstahlgehäuse. Maurizio Nannucci. New Ideas For Other Times, New Times For Other Ideas. Neon rosa. Jenny Holzer. Memorial Bench II: Eye cut by flying glass. Bank aus indischem Sandstein