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Franz West fertigte seit den 1970er-Jahren Skulpturen mit Gaze und Wandfarbe, die zur Verwendung vorgesehen waren. Mit ihrer morbide-poppigen Ästhetik sehen sie aus wie menschliche Zustände zwischen Frohsinn und psychischer Störung.

Kalkweiße Körperverlängerungen, knallrosa Riesenwürste, auf knöchrigen Beinen balancierende Möbel: Franz Wests Skulpturen geben Neurosen und Entspannungszuständen eine Form. Den Anfang bilden in den 1970er-Jahren die „Passstücke“ – Fantasieprothesen aus Pappmaché und Gips, die man herumtragen, sich vors Gesicht halten oder an den Körper legen kann. Bald kommen spillrige Lampen, Stühle und Sofas hinzu: Angebote für Erholung und Austausch, denen in den Neunzigern heitere Außenskulpturen folgen, die aussehen wie farbenfrohe Exkremente oder bunt bandagierte Köpfe. Sie werden zu beliebten Hang-outs, so wie alles bei Franz West dem Gebrauch und der Geselligkeit dient.

Geboren wird West 1947 in Wien. Der Vater ist Kohlenhändler, die Mutter Zahnärztin im Gemeindebau (in ihrer Praxis wird West mit dem leuchtenden Rosa von Zahnprothesen vertraut und lernt, wie man Pappmaché macht). Die Familie lebt im Karl-Marx-Hof, auch „Versailles der Arbeiter“ genannt und mit 1050 Meter Länge der größte zusammenhängende Wohnbau der Welt. Die Eltern haben Kontakte zu Künstlern – der Vater gibt ihnen Aushilfsjobs, die Mutter Zahnbehandlungen zum Sonderpreis. Schon früh treibt sich West in Kaffeehäusern herum, wo er seine Zeichnungen anbietet. Es ist die Zeit der Wiener Aktionisten – mit 16 Jahren erlebt West eine ihrer Aktionen und verfällt in eine dreiwöchige Depression, berappelt sich aber und schaut weiter zu. 1968 wohnt er der berühmten „Uni-Ferkelei“ bei: der Veranstaltung „Kunst und Revolution“, unter anderem mit Otto Muehl, Oswald Wiener und Peter Weibel, bei der vor 300 Zuschauern auf der Bühne masturbiert, ausgepeitscht und defäkiert wird. Als danach peinliche Stille im Saal herrscht, ergreift West angeblich spontan das Wort, bedankt sich für den gelungenen Abend und animiert das Publikum höflich zum Applaus.

Teil einer fünfteiligen Installation von Außenskulpturen am Esteplatz, Wien 3. Bezirk, o.T., 2012. Epoxidharz lackiert, Metall

Es ist diese lässige Ironie, gepaart mit einer Neugier für körperliche Bedürfnisse, die Wests Werk von Beginn an prägt. Als er im Alter von dreißig Jahren sein Akademiestudium bei Bruno Gironcoli beginnt, dessen außerweltliche Figuren aus Aluminium und Polyester so gar nichts mit theatralischer Aktionskunst zu tun haben, schreibt West mit seinen Passstücken schnell Kunstgeschichte. „Wenn man Neurosen sehen könnte, dann sähen sie so aus“, so erklärt er seine amorphen, bewusst imperfekten Gipsgebilde, die man auf dem Kopf, unter dem Arm oder als Kleid tragen kann. Mit ihnen betreten Interaktion und Dialog den Kunstraum, der plötzlich überall sein kann. Aus Betrachtern werden Benutzer, die mit Skulpturen hantieren, denen selbst etwas Organisches anhaftet – ganz so, als bestünde Kunst aus fröhlich wuchernden Mutationen von Körperteilen, Ausscheidungen und Psychosen, die sich unverfroren ihren Weg in die Welt hinaus bahnen. Mit dieser Punk-Attitüde steht West jemandem wie Martin Kippenberger näher als den Aktionisten, die bürgerliche Konventionen durch blutige Bühnenrituale sprengen wollen, dabei jedoch das Publikum in seiner Passivität belassen.

„West ging es nie um autonome künstlerische Produkte“, sagt der Kurator Veit Loers, „sondern um diskrete Interventionen – surreale Inszenierungen innerhalb der damals noch autoritären Kulturlandschaft Österreichs, die der Kunst eine bestimmte Rolle zugewiesen hatte: Sie sollte das Gegenbild einer Gesellschaft zeigen, die auf der Suche nach Ruhe und Frieden war, manchmal bis zum Einschlafen. West aber inszenierte sich gern als Teil dieser Gesellschaft und ließ sich als liegender, ruhender oder träumender Künstler fotografieren – Kontemplation wurde somit Teil seiner Arbeit.“

Von 1973 bis zu Wests Tod 2012 entstehen Hunderte Skulpturen, von denen viele auf den weltweit wichtigsten Ausstellungen zu sehen sind – von den Skulptur Projekten Münster über den österreichischen Pavillon auf der Biennale Venedig bis zur Documenta IX, vom Schinkel Pavillon in Berlin bis zum Centre Pompidou in Paris. Sie haben an Aktualität nie eingebüßt, im Gegenteil: Das Unfertige, das ihrer Ästhetik anhaftet, ebenso wie das Potenzial, sie benutzen und durch sie kommunizieren zu können, lassen sie real auf den Alltag einwirken und nicht nur als unberührbare Behauptungen dastehen. Damit lebt Wests Werk nach seinem Tod auf eine Weise weiter, die ihn fast geisterhaft präsent erscheinen lässt.

Heute kümmert sich die Franz West Privatstiftung darum, seine Arbeit international zu präsentieren und zu zeigen, wie sehr er seiner Zeit voraus war. „Franz West war ein sehr ungewöhnlicher Mensch, unglaublich offen und zugänglich, gleichzeitig unkorrumpierbar und auch widerspenstig. Er war sehr fokussiert, die Kunst hat sein Leben durchdrungen“, erinnert sich Ines Turian, die seit 1997 für Franz West gearbeitet hat. Heute ist sie eine der beiden Geschäftsführer der Werknutzungsgesellschaft mbH, einer Tochter der Franz West Privatstiftung, die ihren Sitz in Wests einstigem Atelier am Wiener Esteplatz 3 hat. Jeden ersten Donnerstag im Monat von 11 bis 13 Uhr ist Tag der offenen Tür. Weithin sichtbar ragen auf dem Platz Skulpturen aus Epoxidharz auf: längliche Köpfe, die wirken, als würden sie sich unterhalten und Passanten zum Gespräch einladen – und zum Besuch bei einem, der Kunst und Müßiggang völlig neu definiert hat.

Ansicht der Küche des Ateliers am Esteplatz mit einer Wandmalerei von Tamuna Sirbiladze und Songül Boyraz aus dem Jahr 2000. Für die Biennale in Venedig 2011 baute Franz West den Grundriss der Atelierküche als Kunstraum nach und transferierte auch die darin hängenden Kunstwerke in den sogenannten Parapavillon. Die Installation besteht aus 43 Kunstwerken von Franz West und AssistentInnen, FreundInnen und KollegInnen.