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Wo es um Räume für Kunstwerke geht, gilt Annabelle Selldorf als Spezialistin. Die Architektin hat jetzt sogar beim Umbau der Frick Collection in New York und bei der National Gallery in London alle Bedenkenträger überzeugt.

Rund zehn Jahre ist es her, dass New York von der Nachricht aufgeschreckt wurde, wonach die Frick Collection saniert, umgebaut und sogar erweitert werden sollte. Denn solche Maßnahmen können erfahrungsgemäß auch zu recht eitlen Unternehmungen von Museumsdirektoren und ihren Architekten werden. Aber der Stadtpalast, den sich der Stahlbaron Henry Clay Frick kurz vor dem Ersten Weltkrieg nach dem Vorbild der Londoner Wallace Collection als Mischung aus Wohnsitz und Schatzkammer an der Fifth Avenue/Ecke 70th Street hatte errichten lassen, war nicht nur vielen New Yorkern, sondern auch Altmeister-Aficionados aus der ganzen Welt so ans Herz gewachsen, als wäre es das eigene Haus, in dem man verlässlich weiß, was wo ist: links vorn der Raum mit den Rokoko-Szenen von Boucher, zum Central Park hin der mit den frivolen Fragonards, weiter hinten schließlich Vermeer und Velázquez und so weiter. Andererseits: Annabelle Selldorf.

Der Name der Frau, die den heiklen Auftrag bekam, war eigentlich schon das triftigste Argument gegen die Befürchtungen. Denn Selldorf hatte um die Jahrtausendwende schon einmal ein anderes pseudofranzösisches Stadtpalais für die Kunst ertüchtigt, ebenfalls an der Fifth Avenue, aus derselben Zeit und sogar von exakt derselben auf Beaux-Art-Stil spezialisierten Architekturfirma Carrère and Hastings. Es wurde die Neue Galerie daraus, Ronald Lauders Museum für die klassische Moderne aus Österreich und Deutschland. Und es ist heute schwer, jemanden zu finden, der das Haus nicht lieb gewonnen hätte, und sei es für das sehr Wienerische Café Sabarsky, das Selldorf im Erdgeschoss implantiert hat.

Selldorf stellt Licht und Proportionen ganz in den Dienst der Kunstwerke.

Der Erfolg dieses Projekts hatte sie damals endgültig bekannt gemacht. Im Kunstbetrieb New Yorks war sie schon länger gefragt. Nachdem die gebürtige Kölnerin dort zunächst die Galerieräume ihres Landsmannes Michael Werner ausgebaut hatte, standen auch dessen Kollegen bei ihr an. David Zwirner, Gagosian, Hauser & Wirth, Barbara Gladstone, Acquavella: Wer heute in eine wichtige New Yorker Galerie geht, betritt in der Regel Räume von Selldorf. Das war an sich schon eine beachtliche Karriere für jemanden, der 1979 vor allem deshalb nach New York gegangen war, weil die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze in Deutschland nichts für sie hatte. Geholfen hat sicher, dass Selldorf nach dem Studium am Pratt Institute zunächst als Assistentin bei Richard Gluckman anfing, der in den Achtzigern das war, was Selldorf heute ist: der Spezialist für die Räume der Kunst. (Er hatte gerade das Breuer Building für das Whitney Museum erweitert.)

Der neue Kammermusiksaal der Frick Collection begeistert mit seiner muschelartigen Form und exzellenten Akustik. Architekturkritiker Michael Kimmelman nannte den Raum „mildly erotic“ – für Annabelle Selldorf ist er ihr „Lieblingskind“

Woran man Selldorfs Räume erkennt? Daran, dass sie eben keinen wiedererkennbaren Stararchitekten-Stil pflegt, sondern einen Minimalismus, der das Licht und die ausgewogenen Proportionen ganz in den Dienst der Kunstwerke stellt. Diese Zurückhaltung ist nun, gerade in Amerika, ein ungewöhnlicher Weg, zu Prominenz zu gelangen. Aber als sich Selldorfs Arbeit an der Frick dem Ende näherte, war sie plötzlich sogar Gegenstand eines langen Porträts in der „Vogue“ – mit Bildstrecke von immerhin Annie Leibovitz, die Selldorf in ihrem Ferienhaus an der Küste von Maine aufnahm. Exakt dorthin hatte sie sich gerade zurückgezogen, als wir mit ihr über den Triumph der Frick-Wiederöffnung in diesem Frühjahr sprachen. Tatsächlich war vor dem Resultat alle Kritik verstummt. Nur gelegentlich gebe es noch jemanden, der etwas zum Unken suche, aber dann bestenfalls finde, dass dieses oder jenes „zu schön“ geraten sei, erzählt Selldorf amüsiert. Die marmorne Wendeltreppe, die sie hat einziehen lassen, zum Beispiel. Aber damit lässt sich wirklich leben.

Denn das Entscheidende ist doch, dass das Obergeschoss endlich für die Öffentlichkeit erschlossen wurde. Dass es jetzt mehr Raum gibt, um mehr von der Sammlung zu sehen. Dass es endlich repräsentativere Räume für Sonderausstellungen gibt, denn vorher waren die arg verschachtelt im Keller. Auch dass die veraltete Elektrik erneuert wurde, dass das Personal endlich mehr Platz hat und vor allem: dass der Zugangs- und Kassenbereich entkrampft wurde. Der war seinerseits ein späterer Einbau gewesen, sehr beengt und für Rollstuhlfahrer schwer zugänglich. Wieder ist viel von Selldorfs Arbeit in das Licht der Galerien geflossen, Selldorf beschreibt den Effekt als: „Brille abnehmen, putzen, wieder aufsetzen“.

Wer heute eine bedeutende Galerie in New York betritt, steht meist in Räumen von Selldorf. Der Sichtbetonbau der David Zwirner Gallery in der 20th Street wurde vor Ort gegossen – in New York eine Seltenheit

Besonders getrauert wurde um den Verlust des alten Kammermusiksaals, trotz seiner legendär dürftigen Akustik. Umso mehr gefeiert wird nun der Einbau eines neuen Kammermusiksaals mit jetzt schon legendär guter Akustik. Mit dem Inneren einer Muschel wird das weiße, halbrunde Auditorium gern verglichen. Michael Kimmelman von der „New York Times“, der einst zu den Besorgten gehörte und jetzt zu den Begeisterten, nannte den Raum sogar „mildly erotic“. „Der ist wirklich mein Lieblingskind – wenn man eines haben darf“, sagt Selldorf. Sie wollte einen Raum schaffen, der einen umarmt. Dass er nun auch noch so gut klingt, sei dann wie eine Bestätigung ihrer Architektur gewesen.

Aufgaben: „die Herausforderung, ein Problem strategisch zu lösen, mit der Sprache, die mein Handwerk ist“. Dass Selldorf während der Arbeit an der Frick den Zuschlag bekam, auch den Eingangsbereich zum Sainsbury Wing der National Gallery in London neu zu gestalten, war so gesehen eine Herausforderung auf bisher ungekanntem Schwierigkeitslevel. Die zusätzliche Komplikation lag hier im Chauvinismus mancher britischer Medien (Selldorf repräsentierte das einzige ausländische Büro im Wettbewerb und das einzige von einer Frau geleitete). Und in Denise Scott Brown, die den postmodernen Sainsbury Wing vor rund dreißig Jahren mit ihrem Mann Robert Venturi im ironischen Stil der Postmoderne entworfen hatte und keinerlei Änderungen dulden wollte, obwohl Selldorf eigens bei Scott Brown in Philadelphia vorsprach. Das Ergebnis war zunächst eine dermaßen wütende Kampagne, wie sie Selldorf bisher in ihrem Berufsleben noch nicht hatte erleben müssen.

Fürsprache erhielt sie dafür posthum vom Stifter des Baus. Als sie zwei rein zum Dekor eingebaute Säulen entfernen ließ, fand sich in einer davon ein Brief des Supermarkt-Magnaten John Sainsbury: „Wenn Sie diesen Brief gefunden haben, müssen Sie dabei sein, eine der falschen Säulen abzureißen … Es sei hiermit kundgetan, dass einer der Stifter dieses Gebäudes absolut erfreut ist, dass Ihre Generation beschlossen hat, auf die unnötigen Säulen zu verzichten.“ Der Sainsbury Wing sei und bleibe trotzdem für immer ein Bau von Venturi und Scott Brown, sagt Selldorf. Dass sie den Eingangsbereich entschlackt hat, dass sie ihn heller, übersichtlicher und besucherfreundlicher gemacht hat, löst inzwischen auch im konservativen England immer mehr Applaus aus. Da ist es im Grunde fast folgerichtig, dass Selldorf umgehend auch damit beauftragt wurde, die Raumprobleme der Wallace Collection zu beheben. Wir erinnern uns: Das mit Altmeisterkunst, Waffen und Rüstungen vollgestopfte Haus mitten auf dem Manchester Square war einst das Vorbild für die Frick Collection in New York. Nur ist im Londoner Pendant noch viel weniger Platz zum Manövrieren und Ausweichen. Annabelle Selldorf klingt geradezu beglückt, als sie die Enormität der Schwierigkeiten beschreibt. Die Lösung dürfte ihr und nachher den Besuchern wieder ein Vergnügen sein.