Tuschfeder, Tuschpinsel und Bleistift auf Velin (Wasserzeichen: W Elgar 1796).
43,5 × 25 cm
(17 ⅛ × 9 ⅞ in.).
Werkverzeichnis: Traeger 86b.
[3082]
Hans Runge, Berlin (bis 1938) / Kunsthandel C. G. Boerner, Leipzig (bis 1953) / Otto Böttcher, Cuxhaven / Ehemals Privatsammlung, Rheinland
Auktion 199: Leipzig, C. G. Boerner, 1938, S. 14, Nr. 114 („Ein Knochenmann, nach links, den Kopf auf die erhobenen und gefalteten Hände gebeugt“), Tf. X / C. G. Boerner (Hg.): Neue Lagerliste IV. Düsseldorf, 1952, S. 5, Nr. 15 / C. G. Boerner (Hg.): Neue Lagerliste VII. Düsseldorf, C. G. Boerner, 1953, S. 32, Nr. 478 / Auktion 64: Graphik, Handzeichnungen, Gemälde, Plastik. Hamburg, Dr. Ernst Hauswedell, Nr. 1141 („Ein Knochenmann, nach links, den Kopf auf die erhobenen u. gefalteten Hände gebeugt“) / Jörg Traeger: Gerdt Hardorff, ein früher Lehrer Runges. In: Jahrbuch der Hamburger Kunstsammlungen, 1973, S. 134
Anatomie und Affekt
Ein Skelett mit flehend zum Gebet gefalteten Händen, den Rücken gekrümmt, den Blick zu Boden gerichtet, und ein Muskelmann im Laufschritt, dessen zum Himmel erhobenes Gesicht eine Gottheit zu suchen scheint. Das doppelseitig angelegte Blatt scheint zunächst wenig mit dem zeichnerischen Werk des bedeutendsten Malers der Hamburger Frühromantik gemein zu haben. Und doch ist es eine durch Provenienz und schriftliche Quellen gesicherte Zeichnung Philipp Otto Runges (Traeger 1975, Kat. 86b). Die in Feder und Pinsel in Grau gezeichneten Figuren sind an der entscheidenden Schwelle von Runges künstlerischer Ausbildung entstanden, im Herbst 1799, kurz vor seiner Abreise an die Königliche Akademie in Kopenhagen. Runge wurde zu diesem Zeitpunkt in Hamburg bei Gerdt Hardorff d. Ä., einem Schüler des Giovanni Battista Casanova, privat im Zeichnen unterrichtet. Hier erlernte er die Grundlagen menschlicher Anatomie anhand von Kupferstichen aus den Werken von Johann Daniel Preissler, „Die durch Theorie erfundene Practic“ (1721–25) und Andreas Vesalius, „De humani corporis fabrica“ (1543) in einer Ausgabe von 1725 (Traeger 1975, Kat. 86; Stolzenburg 2010, S. 76 f.). Die an den Akademien ausgeübte Methode, sich anhand des Zeichnens nach Körperteilen den gesamten menschlichen Körper anzueignen, wie es bei Preissler propagiert wurde, stieß bei Runge zunehmend auf Ablehnung. Der Fragmentierung des Körpers sollte er später seine ganzheitliche Idee der Kunst gegenüberstellen.
Das vorliegende Blatt zeigt Runges virtuose Beherrschung der menschlichen Anatomie. Gegenüber den originalen Illustrationen Johann Stephan von Calcars lässt Runge die in die Körperstruktur eingeschriebenen Kennziffern, die in Vesalius’ „Fabrica“ der Beschriftung dienten, weg. Auch auf die rahmenden Ruinenlandschaften, in die bei Vesalius die anatomischen Körper eingebettet sind, verzichtet Runge. Damit verleiht er den anatomischen Darstellungen eine eindrucksvolle Individualität und stellt den Affekt von Knochen- und Muskelmann in den Vordergrund seiner Studien.
Prof. Iris Wenderholm
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